Liebe Leser,

in dieser Kategorie dreht sich alles um die plattdeutsche Sprache. Dabei müssen nicht unbedingt alle Texte auf Platt sein, wenn sie sich mit dem Thema befassen. Es wird aber hauptsächlich Kurzgeschichten und auch Gedichte geben. Und bei einigen Texten wird es auch eine Übersetzung in das Hochdeutsche geben.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen

Freitag, 03 Februar 2017 15:36

Keen Arbeit

Keen Arbeit

Skizze ut`n Hamborger Leben von 1918/19

Von Friedrich Schnoor

Middagstied, Middagstied.
Op`n Goosmark stoht de Lüd.
Reeg`nlang, bi Dreug, bi Natt.
Teuwt dor op dat Tiedungsbladd.

Stün`nlang, Stün`nlang.
Ok Hein Möller steiht dormang,
De to See fohr lange Johrn,
Wör ok arbeitslos nu worrn.

Sien Gesicht, sien Gesicht
Süht man`d an, em wörd nich licht,
Kunn dat Nicksdohn nich verwinn`n
Man he künn keen Arbeit finn`n.

Jeden Dag, jeden Dag
Stünn he op dittsülbe Flach,
Söch no Arbeit, leup umher,
Ob nich wat to kreegen wör.

Wo he keum, wo he keum
Keener em in Arbeit neuhm,
Ümmer he datsülbe heur,
Dat noch lang keen Utsicht wör.

Ganz bedreuwt, ganz bedreuwt
He nu op de Tiedung teuwt.
Steiht dor nu all Stünn`nlang
Un sien Froo in`t Hus liggt krank.

Johrelang, Johrelang
Leeg sien lütte Froo all krank,
Dorto harr`n se fiew lütt Göörn.
Un nu künn he se nich nährn.

Dat wör slimm, dat wör slimm!
Och, he leup mit Sorgen rüm!
Harr doch to geern Arbeit hatt!
Wör dütt Leben würklich satt.

Un he sünn - un he sünn, -
Deep he in Gedanken stünn.
Bit de Tiedung wör rutgeben
Dor keum in em wedder Leben.

He greep no dat Tiedungsbladd
Un em klopp dorbi sien Hadd,
As he dat op de Stroot studeer,
Ob dor wat för em in wör.

No de Reeg, no de Reeg
All de Spalten he dörchseh`g;-
Man för sick künn he nicks finn`n.
Wat he söch stünn dor nich binn`n.-

He vertreust op morgen sick:
Villicht harr he denn jo Glück.
Nu wull he to Hus ok rasch,
Stickt de Tidung in de Tasch
Un geiht denn de Strot hendohl.
Kümmt vörbi an een Lokol
Wo blot fiene Lüd verkehrt.-
Binn`n, dor wör musizeert.

Vör de Döör, vör de Döör
Seeten Gäst un drünken Beer,
Drünken Kaffee, drünken Wien,
Güngen all so fien, so fien!
Vörn ok, gliek so an de Eck
See`t an`n Disch dor ok son Geck,
Mit son opgeputzte Deern,
Dee ehr dor mit Wien trackteern.

Möller güng ehr dicht vörbi.
De Geck wiest op em: “Ella sieh!
Guck Dir bloß den Kerl mal an,
Dem man es doch ansehn kann,
Daß er nicht nach Arbeit läuft,
der sieht aus, als ob er säuft!
Ja, das paßt den Herr`n- son Leben!
Lassen sich Unterstützung geben,
Um auf`s Bummeln dann zu gehn,
Doch nach Arbeit sich umsehn,
Das ist bloß bei Dummen Brauch;
So ein Buttje scheint dies auch.“

Un Hein Möller harr dat heurt!
O, wat harr he sick scheneert!
Em, de so solide wör,
Greep man so an siene Ehr!
Em de strewt harr alle Tied,
Höll man hier nu vör`n Briet!
Dat deh in em kok`n un gährn:
De süll em mol kenn`n lehrn!
Kuum künn he vör Wut sick foten:
Dat dörf he sick nich beden loten!
Ehr de anner sick besünn.
Möller ok all vör em stünn
Un krigg den`n Bengel bi de Kehl!
Oh! Wat war`d nu een Gegröhl!
Wat wer`d eenSchimp`n, war`d een ropen!
Kellners keumen angelopen
Un bröchen de beid`nu ut´neen.
„Polizei!“ heur man all schreen.
Een, de stött all in de Fleit-
Schutzlüd kom`n all angeneit.
Kregen, ohn eerst to frogen,
Unsen Möller gliek`s bien Krogen.
Dat he nich utkniepen deh,
Man em fort`s dat Slott anlech.
Un so ward he aw denn föhrt. -
Bin`n dor ward musizeert
Un ward sung`n un ward geigt,
Et ward danzt de Röck de fleegt!
An de Dischen flütt de Sekt,
Junge wat dat Tügs ehr smeckt!

Proppens knallt, Proppens knallt,
Dat et dörch de Rüüme schallt!
Un man kriescht un man lacht
Rinn bit in de späte Nacht.

Keine Arbeit

Skizze ut`n Hamborger Leben von 1918/19

Von Friedrich Schnoor

Mittagszeit, Mittagszeit,
Auf dem Gänsemarkt stehn die Leut`.
Reihenlang bei Hitz` und Regen.
Warten sie da auf`s Zeitungsblatt.

Stundenlang, Stundenlang,
Auch Hein Möller steht dabei,
Der zur See fuhr viele Jahr`,
War auch arbeitslos nun geworden.

Sein Gesicht, sein Gesicht
Sieht man`s an ihm fiel`s nicht leicht.
Konnte das Nichtstun nicht verwinden
Man er konnte keine Arbeit finden.

Jeden Tag, jeden Tag
Stand er auf dem selben Fleck,
Sucht nach Arbeit, läuft umher,
Ob nicht was zu kriegen wär.

Wo er kam, wo er kam
Keiner ihn in Arbeit nahm.
Immer er dasselbe hört,
Das lange keine Aussicht wär`.

Ganz bedrückt, ganz bedrückt
Er nun auf die Zeitung wartet.
Steht dort nun schon Stundenlang
Und seine Frau im Haus liegt krank.

Jahrelang, Jahrelang
Liegt seine kleine Frau schon krank,
Dazu hatten sie fünf kleine Kinder
Und nun kann er sie nicht `nährn.

Das war schlimm, das war schlimm!
Ach, er lief mit sorgen rum!
Hätt doch so gern Arbeit gehabt!
War dieses Leben wirklich satt.

Und er sann - und er sann -
Tief er in Gedanken stand.
Bis die Zeitung rausgegeben,
Dann kam in ihn wieder Leben.

Er griff nach dem Zetungsblatt
Und ihm klopft dabei das Herz,
als er es auf der Straße studiert,
Ob da was für ihn in wär`.

Nach der Reih`, nach der Reih`,
All die Spalten er durchsah.-
Aber für sich konnt` er nichts finden,
Was er sucht` stand dort nicht drinnen. –

Er vertröst` auf morgen sich;
Vielleicht hat er ja denn noch Glück.
Nun will nach Hause er auch rasch,
Steckt die Zeitung in die Tasch`.
Und geht dann die Straß` entlang,
Kommt vorbei an einem Lokal,
Wo bloß feine Leut` verkehrn –
Drinnen da wurd musiziert.  

Vor der Tür, vor der Tür,
Saßen Gäste und tranken Bier,
Tranken Kaffee, tranken Wein,
Gingen alle so fein, so fein! *
Vorne auch, gleich an der Eck`, `
Saß am Tisch da auch son` Geck, **
Mit solchem aufgemotztes Mädchen
Die tat er mit Wein traktier`n.

Möller ging an ihnen dicht vorbei,
Der Geck zeigt auf ihn, „Ella sieh`!“
Guck Dir bloß den Kerl mal an,
Dem man es doch anseh`n kann,
Daß er nicht nach Arbeit läuft,
der sieht aus, als ob er säuft!
Ja, das paßt den Herr`n- son Leben!
Lassen sich Unterstützung geben,
Um auf`s Bummeln dann zu gehn,
Doch nach Arbeit sich umsehn,
Das ist bloß bei Dummen Brauch;
So ein Buttje scheint dies auch.“

Und Hein Möller hat`s gehört!
Oh, was hat er sich scheniert!***
Ihm der so solide war,
Griff man an seine Ehr`!
Ihm, der gestrebt hat alle Zeit,
Hält man hier nun für einen Briet****
Es tat in ihm Kochen und gär`n;
Der sollte ihn mal kennenlern`n!
Kaum konnte vor Wut sich halten,
Das darf er sich nicht bieten lassen!
Ehr der Andere sich besann,
Möller auch schon vor ihm stand
Und kriegt den Kerl bei der Kehl!
Oh! Was war`s nun ein Gegröhl!
Was war`s ein Schimpfen, war`s ein rufen!
Kellner kamen angelaufen
Und brachten die Beiden auseinander
„Polizei“ hört man sie schrei`n.
Einer stößt schon in die Pfeife.
Schutzleute kommen angerannt.
Kriegen, ohne erst lang zu fragen,
Unseren Möller gleich beim Kragen.
Und das er nicht flüchten kann
Man ihm sofort legt Handschellen an.
Und so wird er abgeführt.--
Drinnen dort wird musiziert
Und wird gesungen und wird gegeigt,
Es wird getanzt die Röcke die fliegen!
An den Tischen fließt der Sekt,
Junge was das Zeug gut schmeckt!

Korken knallen, Korken knallen,
Das es durch die Räume schallt!
Und man kreischt und man lacht
Rein bis in die späte Nacht.

Keen Arbeid, Übersetzt Freddy Schnoor 2016

* Gut in Zeug, Aufgedonnert
** „Angeber“
*** scheniert – schämen
**** Briet, ungehobelter, frecher und fauler Mann

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